Bevor ihr für euer Unternehmen KI-Coaching einkauft, prüft vor allem eines: was das System tut, sobald jemand um Rat bittet.
Ein Sprachmodell ist darauf ausgelegt, Fragen zu beantworten. Soll es coachen, muss man ihm sehr genau vorgeben, wo ein Rat anfängt.
Die Regeln, um die es hier geht, stammen aus der Studie zu meiner Masterarbeit „Welchen Unterschied erleben Coachees in der wahrgenommenen Empathie zwischen einem menschlichen und einem KI-gestützten textbasierten Coaching und welche Bedeutung hat dies für den Coachingerfolg?“ (M.A. Organisations- und Personalentwicklung, FAU Erlangen-Nürnberg). 12 berufstätige Eltern, die ich eingeladen hatte, führten im August 2026 je ein Chatgespräch zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sechs mit einem Menschen, sechs mit einem KI-Coach; am Ende des Gesprächs haben alle erfahren, mit wem sie geschrieben hatten. Die Arbeit ist eingereicht und noch nicht bewertet. Wie die Studie angelegt war, beschreibe ich in Was ein Blindversuch über Coaching mit KI zeigen kann. Ergebnisse nenne ich hier nicht.
Trainiert wurde für den KI-Coach nichts. Ein vorhandenes Sprachmodell bekam schriftliche Anweisungen, die vor der Studie überarbeitet wurden. Die Regeln dazu, was als Rat gilt, habe ich selbst geschrieben.
Ein Rat nimmt die eigene Lösung weg
Beim systemischen Coaching ist die Arbeitsteilung klar. Die Person, die gecoacht wird, kennt ihr Leben am besten und findet ihre eigenen Lösungen. Wer coacht, gestaltet den Weg dahin, mit Fragen und mit Zeit zum Nachdenken.
Jeder Rat verschiebt diese Arbeitsteilung. Selbst ein guter Rat bleibt eine fremde Idee: Setzt die Person ihn um, folgt sie dem Plan eines anderen Menschen, und wenn es schiefgeht, war es nicht ihre eigene Entscheidung.
Bei einem Thema wie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegt der Rat besonders nah, weil viele selbst Erfahrungen damit haben. Vor allem dann, wenn ich das Gefühl habe, dass mein Klient etwas für ihn Offensichtliches übersieht. Dann schlüpfe ich in seltenen Fällen auch mal aus der systemischen Haltung raus.
Auch eine Frage kann ein Rat sein
In der endgültigen Fassung der Anweisungen bleibt es nicht bei einem knappen Verbot. Dort steht eine Liste, was alles als Rat gilt:
- eigene Lösungen und Deutungen, auch in der Form „Der eigentliche Kern ist …“
- vorformulierte Sätze, die die Person nur noch übernehmen müsste
- Entweder-oder-Fragen mit Möglichkeiten, die sich der Coach ausgedacht hat
Am letzten Punkt sieht man, wie früh ein Rat anfängt. „Willst du eher mit deiner Chefin über andere Arbeitszeiten sprechen oder zu Hause die Abholzeiten neu aufteilen?“ sieht offen aus, enthält aber zwei Lösungen des Coachs. Auch ein angehängtes „oder etwas anderes?“ ändert daran nichts. Die offene Fassung ist kürzer: „Was wäre ein erster Schritt, der zu dir passt?“ Deshalb gilt auch: höchstens eine Frage pro Nachricht.
Eine vierte Form des Lenkens ist das Bewerten. Selbst ein freundliches „Das ist ein wichtiger Punkt“ ist nicht vorgesehen, denn Lob bestimmt mit, welche Gedanken weiterverfolgt werden.
Ganz ohne Vorschlag wäre Coaching stur
Ein striktes Verbot wäre einfacher gewesen, aber schlechtes Coaching: Wem die Ideen ausgegangen sind, dem wirken bloße Gegenfragen wie eine Verweigerung. Die International Coaching Federation (ICF) verlangt von KI-Coaching, „mostly non-directive“ zu arbeiten, also überwiegend ohne zu lenken; eigene Beobachtungen darf es teilen.11Anmerkung 1: International Coaching Federation: The ICF Artificial Intelligence Coaching Framework and Standards, Version 1.01, überarbeitet am 8. Oktober 2024, PDF. Elemente A.2.1 („mostly non-directive“, darf „observations and insights“ teilen), C.7.3 (lenkende und nicht lenkende Interaktionen), B.4.1 (Angaben dazu, wer das System gebaut hat und worauf es beruht) und E10.6 (Prüfung des Designs durch mindestens eine Coaching-Fachperson).
Die Anweisungen in meiner Studie ziehen die Grenze enger: keine eigenen Deutungen, Vorschläge nur in festen Zahlen. Impulse gibt es nur, wenn jemand ausdrücklich darum bittet: höchstens drei, jeder in einem eigenen Satz, als Vorschlag gekennzeichnet und nicht als Empfehlung, keiner gebaut wie der andere. Danach fragt der Coach, was davon passt. Zwei solcher Runden pro Gespräch, nicht mehr. Bei der dritten Bitte erklärt er einmal ruhig, wie er arbeitet, und fragt zurück.
Wählt jemand einen Vorschlag aus, fragt der Coach zuerst nach mindestens einer eigenen Möglichkeit. Sonst wird aus seiner Liste unbemerkt der Plan der Person.
Wer lange coacht, merkt, wann ein Gespräch in eine Beratung kippt. Ein Sprachmodell braucht dafür eine Zahl.
Ein klarer Rahmen am Anfang soll den Druck senken
Die Anweisungen setzen deshalb schon vorher an. In seiner ersten Antwort beschreibt der KI-Coach in eigenen Worten, wie das Gespräch läuft: Er stellt Fragen statt Ratschläge zu geben, die Person entscheidet, woran sie arbeitet, am Ende steht ein konkreter nächster Schritt. Ohne diesen Rahmen erwarten viele Rat und fordern ihn später ein. Unter menschlichen Coaches heißt das Auftragsklärung. Der KI-Coach formuliert sie jedes Mal neu, denn ein immer gleicher Absatz hätte verraten, wer antwortet.
Vor dem Einkauf zählt die Testsitzung
Die Forschung hilft bei der Auswahl bisher wenig. Eine systematische Übersicht von Jonathan Passmore, Bergsveinn Olafsson und David Tee (2025) fand 16 Studien mit zusammen 2312 Teilnehmenden, überwiegend Studierende mit einfachen, oft gesundheitsbezogenen Zielen.22Anmerkung 2: Jonathan Passmore, Bergsveinn Olafsson, David Tee: A systematic literature review of artificial intelligence (AI) in coaching, Journal of Work-Applied Management 18(1), online seit 20. Februar 2025. 16 Studien mit zusammen 2312 Teilnehmenden, Literatursuche bis März 2024. Ob ein Angebot bei Führung, Konflikten oder Vereinbarkeit trägt, lässt sich daraus kaum ablesen.
Was ein System tut, wenn jemand Rat will, könnt ihr dagegen selbst prüfen, in einer Testsitzung vor der Unterschrift. Empfiehlt ein KI-Coach schon auf die erste Bitte, was jemand tun soll, und fragt danach nicht zurück, würde ich von diesem Angebot abraten.
Vier Prüfpunkte für Testsitzung und Anbietergespräch:
- Bittet in der Testsitzung dreimal hintereinander um einen Rat. Achtet darauf, was beim ersten und was beim dritten Mal passiert.
- Fragt, woran die Person im Chat erkennt, dass ein Satz ein Vorschlag ist und keine Empfehlung.
- Lest ein vollständiges Testgespräch und zählt die Fragen, deren Antworten der Coach gleich mitliefert.
- Lasst euch nennen, wer die Gesprächsregeln geschrieben hat und welche Coaching-Fachperson sie geprüft hat. Die ICF-Standards verlangen Angaben dazu, wer das System gebaut hat und auf welchen Grundlagen es beruht, außerdem eine Prüfung des Designs durch mindestens eine Coaching-Fachperson.11
Was ein KI-Coach tun muss, wenn aus einem Coachinganliegen eine Krise wird, steht in Ein KI-Coach muss wissen, wo Coaching aufhört.
Fußnoten
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International Coaching Federation: The ICF Artificial Intelligence Coaching Framework and Standards, Version 1.01, überarbeitet am 8. Oktober 2024, PDF. Elemente A.2.1 („mostly non-directive“, darf „observations and insights“ teilen), C.7.3 (lenkende und nicht lenkende Interaktionen), B.4.1 (Angaben dazu, wer das System gebaut hat und worauf es beruht) und E10.6 (Prüfung des Designs durch mindestens eine Coaching-Fachperson). ↩ ↩2
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Jonathan Passmore, Bergsveinn Olafsson, David Tee: A systematic literature review of artificial intelligence (AI) in coaching, Journal of Work-Applied Management 18(1), online seit 20. Februar 2025. 16 Studien mit zusammen 2312 Teilnehmenden, Literatursuche bis März 2024. ↩