Eine Mutter oder ein Vater mit kleinem Kind öffnet zur vereinbarten Uhrzeit einen Link. Es erscheint eine schlichte Chatseite mit dem Namen des Coachs und einer Begrüßung. In den nächsten 45 bis 60 Minuten geht es um ein eigenes Anliegen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nach jeder Nachricht zeigt das Fenster an, dass auf der anderen Seite geschrieben wird. Ob dort ein Mensch schreibt oder eine KI, weiß die Person in diesem Moment nicht.

So waren die Gespräche in der Studie für meine Masterarbeit in Organisations- und Personalentwicklung an der FAU Erlangen-Nürnberg angelegt. Im August 2026 hatten 12 berufstätige Eltern je ein kostenfreies Coachinggespräch im Chat, sechs mit einem Menschen und sechs mit einer KI, und füllten vorher und nachher Fragebögen aus. Die Erhebung ist abgeschlossen, alle wissen, wer ihnen geantwortet hat. Deshalb kann ich das Design jetzt offen beschreiben. Die Arbeit ist eingereicht, aber noch nicht bewertet. Über Ergebnisse schreibe ich erst, wenn sie bewertet ist.

Das Etikett „KI“ verändert, wie eine Antwort ankommt

Im Kern stand die Frage danach, ob im KI-Coaching eine dem menschlichen Coaching ähnlichwertige Beziehung aufgebaut werden kann. Ohne Verblindung hätte diese Frage kaum in einem machbaren Rahmen beantwortet werden können.

Denn was Menschen über KI denken, färbt, wie eine Antwort ankommt. Nach aktuellen Forschungsergebnissen wird KI-generierte Empathie in Blindvergleichen sogar besser bewertet als menschliche. Wissen die Menschen aber, dass eine KI antwortet, bewerten sie Empathie und Unterstützung schlechter. In neun Studien mit zusammen 6282 Teilnehmenden haben Matan Rubin und Kolleg:innen (2025) dieselben KI-Antworten einmal als menschlich und einmal als KI-Antwort gekennzeichnet. Mit dem Etikett „Mensch“ galten sie als empathischer und unterstützender.1Anmerkung 1: Matan Rubin, Joanna Z. Li, Federico Zimmerman, Desmond C. Ong, Amit Goldenberg, Anat Perry: Comparing the value of perceived human versus AI-generated empathy, Nature Human Behaviour 9 (11), S. 2345–2359, 2025. Neun Studien mit zusammen 6282 Teilnehmenden; alle Antworten stammten von einer KI und waren als menschlich oder als KI-Antwort gekennzeichnet.

Für Coaching hat Amber Barger (2024) das in einem Wizard-of-Oz-Versuch untersucht: 52 Studierende hatten eine einstündige Coachingsitzung, die Hälfte im Glauben, mit einem KI-Coach zu arbeiten, obwohl in beiden Gruppen erfahrene menschliche Coaches coachten. Die Arbeitsbeziehung bewerteten beide Gruppen ähnlich hoch.2Anmerkung 2: Amber S. Barger: Artificial intelligence vs. human coaches: examining the development of working alliance in a single session, Frontiers in Psychology 15 (2024), Artikel 1364054, online am 15. April 2025. 52 Studierende eines Masterstudiengangs in den USA, je 26 pro Gruppe; gemessen mit dem Working Alliance Inventory (WAI-SR). Das deutet darauf hin, dass es vor allem von Erwartungen und Vorannahmen gegenüber KI abhängt, wie empathisch ein KI-Coaching wirkt. Dazu passt die Vermutung von Jonathan Passmore, David Tee und Kolleg:innen (2025), dass Menschen, die sicherer mit Technik umgehen, im KI-Coaching bessere Ergebnisse erzielen könnten.3Anmerkung 3: Jonathan Passmore, David Tee, Gina Palermo, Rebecca Rutschmann: Human coaches and AI coaching agents: an exploratory quasi-experimental study of workplace client attitudes, Journal of Work-Applied Management 18 (2), S. 166–179, online am 9. September 2025. Pilotstudie mit 63 Beschäftigten; die Technikaffinität nennen die Autor:innen in der Diskussion als mögliche, nicht geprüfte Erklärung.

Wer den Teilnehmenden vorher sagt, wer antwortet, misst dieses Etikett wahrscheinlich mit. Ein Blindversuch nimmt es für die Dauer des Gesprächs heraus. Ob die Verblindung gehalten hat, zeigt die Frage im Fragebogen danach, mit wem sie wohl geschrieben hatten.

Gleich sein muss alles, was man sieht

Der Vergleich ist nur fair, wenn sich die beiden Bedingungen von außen nicht unterscheiden. In meiner Studie hieß das: derselbe Name, dieselbe schlichte Chatseite ohne Hinweis auf einen KI-Anbieter, dieselbe Begrüßung, eine Tippanzeige in beiden Fällen und derselbe zeitliche Rahmen.

Am leichtesten übersieht man das Tempo. Ein Sprachmodell antwortet nach wenigen Sekunden, ein Mensch muss lesen, überlegen und tippen. Deshalb erschienen die Antworten der KI erst nach 4 bis 75 Sekunden, je nach Länge der Nachrichten, ungefähr so lange, wie ein Mensch dafür braucht. Begrüßung und Tempo waren in allen Gesprächen gleich. Das Chat-Werkzeug mit Tippanzeige und Wartezeit habe ich nicht selbst gebaut.

Was sich nicht angleichen lässt, ist der Coach selbst.

Verblinden heißt nicht lügen

Die KI durfte sich nie als Mensch ausgeben und keine Lebensgeschichte erfinden. Auf die direkte Frage, wer da schreibt, antwortete sie mit einem festen Hinweis: Die Zuteilung ist bewusst verblindet und wird nach dem Gespräch aufgelöst. Die menschliche Coachin gab auf dieselbe Frage dieselbe feste Antwort. Dieses Versprechen ist eingelöst.

Ganz ohne falsches Signal kam der Versuch trotzdem nicht aus. Die Wartezeit vor jeder KI-Antwort sagt ohne Worte: Hier denkt jemand nach. Deshalb messe ich den Versuch an den Regeln für Täuschung.

Die berufsethischen Richtlinien von DGPs und BDP (2022) erlauben Täuschung in der Forschung nur, wenn der erwartete Erkenntnisgewinn bedeutsam ist und es keine geeignete Alternative ohne Täuschung gibt. Aufgeklärt wird so früh wie möglich, spätestens am Ende der Datenerhebung, danach müssen die Teilnehmenden ihre Daten zurückziehen können.4Anmerkung 4: Deutsche Gesellschaft für Psychologie und Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen: Berufsethische Richtlinien DGPs/BDP, beschlossen am 8. Mai 2022 (BDP) und am 14. September 2022 (DGPs), Abschnitt 7.3 (8) a zu Täuschung und 7.3 (8) c zur Aufklärung und zum Zurückziehen der Daten.

Ich sehe für einen fairen Vergleich der Gespräche keine Alternative ohne Verblindung. Sobald alle wissen, wer antwortet, ist das Etikett wieder da.

Deshalb waren die Teilnehmenden vorab nur teilweise informiert: Dass eine KI antworten könnte, stand nicht in der Einwilligung. Vollständig aufgeklärt wurden sie am Ende ihres Gesprächs. Danach konnten sie ihre Daten zurückziehen.

Ein einzelnes Chatgespräch sagt wenig über ein ganzes Coaching

Meine Forschungsfrage ist zugleich der Titel der Arbeit: „Welchen Unterschied erleben Coachees in der wahrgenommenen Empathie zwischen einem menschlichen und einem KI-gestützten textbasierten Coaching und welche Bedeutung hat dies für den Coachingerfolg?“

Ein solches Design beantwortet sie für einen engen Ausschnitt. Es war ein einziges Gespräch, viele Coachings laufen über mehrere Termine. Die Fragebögen sind Selbstauskünfte direkt nach dem Chat. Verblindet waren die Teilnehmenden und die Auswertung, nicht die Coachin auf der menschlichen Seite: Das war ich selbst, und ich wusste vom Vergleich. Und verglichen wird Chat mit Chat. Ein Mensch, der nur tippen kann, verzichtet auf Stimme und Blick.

Der schwerste Einwand: Außerhalb der Forschung ist niemand blind. Wer im Unternehmen mit einem KI-Coach schreibt, weiß, dass es einer ist, oder sollte es wissen, und dann wirkt das Etikett wieder. Wie ein KI-Coaching im Betrieb ankommt, kann ein Blindversuch allein nicht vorhersagen.

Im Betrieb muss jede Person wissen, wer antwortet

Eine Studie darf verblinden, weil sie ein Ende hat: Danach erfahren alle, wer geantwortet hat. Verblindet ein Arbeitgeber ein KI-Coaching, gibt es dieses Ende nicht.

Seit dem 2. August 2026 gilt Artikel 50 Absatz 1 der europäischen KI-Verordnung:5Anmerkung 5: Andreea Șerban, Bianca-Ioana Marcu: The AI Act Implementation Timeline: What Changes Under the AI Omnibus?, Future of Privacy Forum, 28. Juli 2026, aktualisiert am 5. August 2026. Danach gilt Artikel 50 grundsätzlich ab dem 2. August 2026; der Digital-Omnibus zur KI (Amtsblatt vom 24. Juli 2026) hat nur Pflichten aus Absatz 2 verschoben. Wer mit einem KI-System interagiert, muss das erfahren, außer es ist ohnehin offensichtlich.6Anmerkung 6: Future of Life Institute: Article 50: Transparency Obligations for Providers and Deployers of Certain AI Systems, AI Act Explorer, Absatz 1. Ausgenommen sind nur Systeme eigens und ausschließlich für die Forschung (Artikel 2 Absatz 6),7Anmerkung 7: Future of Life Institute: Article 2: Scope, AI Act Explorer, Absatz 6. nicht ein Coaching-Werkzeug, das ein Unternehmen einkauft. Die Pflicht trifft die Anbieter. Für Arbeitgeber sollte sie die Untergrenze sein: Am Anfang jedes Gesprächs steht in einfachen Worten, dass eine KI antwortet, nicht im Kleingedruckten.

Dass KI-Antworten bei Rubin und Kolleg:innen besser ankamen, wenn sie als menschlich ausgegeben waren,11 ist kein Argument, den Hinweis klein zu halten. Ein Arbeitgeber, der ihn versteckt, täuscht seine Beschäftigten. Ob der Hinweis sichtbar ist, prüft ihr vor dem Kauf in fünf Minuten: Öffnet eine Testsitzung und schaut, was vor eurer ersten Nachricht auf dem Bildschirm steht. Worauf ihr dabei noch achten könnt, steht im Text Für einen KI-Coach muss man klar benennen, was ein Rat ist, mehr zu meiner Masterarbeit unter Über mich. Wie die Texte dieser Website entstehen, steht im Impressum unter „Inhalte“.

Fußnoten

  1. Matan Rubin, Joanna Z. Li, Federico Zimmerman, Desmond C. Ong, Amit Goldenberg, Anat Perry: Comparing the value of perceived human versus AI-generated empathy, Nature Human Behaviour 9 (11), S. 2345–2359, 2025. Neun Studien mit zusammen 6282 Teilnehmenden; alle Antworten stammten von einer KI und waren als menschlich oder als KI-Antwort gekennzeichnet. ↩ ↩2

  2. Amber S. Barger: Artificial intelligence vs. human coaches: examining the development of working alliance in a single session, Frontiers in Psychology 15 (2024), Artikel 1364054, online am 15. April 2025. 52 Studierende eines Masterstudiengangs in den USA, je 26 pro Gruppe; gemessen mit dem Working Alliance Inventory (WAI-SR). ↩

  3. Jonathan Passmore, David Tee, Gina Palermo, Rebecca Rutschmann: Human coaches and AI coaching agents: an exploratory quasi-experimental study of workplace client attitudes, Journal of Work-Applied Management 18 (2), S. 166–179, online am 9. September 2025. Pilotstudie mit 63 Beschäftigten; die Technikaffinität nennen die Autor:innen in der Diskussion als mögliche, nicht geprüfte Erklärung. ↩

  4. Deutsche Gesellschaft für Psychologie und Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen: Berufsethische Richtlinien DGPs/BDP, beschlossen am 8. Mai 2022 (BDP) und am 14. September 2022 (DGPs), Abschnitt 7.3 (8) a zu Täuschung und 7.3 (8) c zur Aufklärung und zum Zurückziehen der Daten. ↩

  5. Andreea Șerban, Bianca-Ioana Marcu: The AI Act Implementation Timeline: What Changes Under the AI Omnibus?, Future of Privacy Forum, 28. Juli 2026, aktualisiert am 5. August 2026. Danach gilt Artikel 50 grundsätzlich ab dem 2. August 2026; der Digital-Omnibus zur KI (Amtsblatt vom 24. Juli 2026) hat nur Pflichten aus Absatz 2 verschoben. ↩

  6. Future of Life Institute: Article 50: Transparency Obligations for Providers and Deployers of Certain AI Systems, AI Act Explorer, Absatz 1. ↩

  7. Future of Life Institute: Article 2: Scope, AI Act Explorer, Absatz 6. ↩