Wo Coaching aufhört, steht in Deutschland von der anderen Seite her im Psychotherapeutengesetz. Psychotherapie ist danach eine Tätigkeit „zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert“. Tätigkeiten, die „nur die Aufarbeitung oder Überwindung sozialer Konflikte oder sonstige Zwecke außerhalb der Heilkunde zum Gegenstand haben“, gehören nicht dazu.1Anmerkung 1: § 1 Psychotherapeutengesetz (PsychThG), Abs. 2, gesetze-im-internet.de, Bundesministerium der Justiz.

Coaching ordne ich dort ein. Es arbeitet an einem Anliegen, das Menschen aus eigener Kraft angehen können, etwa eine neue Führungsrolle oder die Frage, wie Familie und Beruf zusammenpassen. Eine Krankheit behandelt es nicht.

Ich darf als Coach keine Diagnose stellen. Wenn mir etwas Grenzwertiges auffällt, spreche ich die Person persönlich außerhalb meiner Coachingrolle darauf an und kommuniziere dies klar und deutlich.

Mit Krise meine ich etwas Engeres als eine schwere Zeit: Jemand denkt an Suizid oder daran, sich zu verletzen, es geht um Gewalt, oder jemand verliert den Bezug zur Wirklichkeit. Erschöpfung, Traurigkeit und schlechter Schlaf verdienen Aufmerksamkeit, für sich genommen sind sie kein Notfall.

An dieser Grenze kann ein KI-Coach auf zwei Arten scheitern: Er übersieht eine echte Krise und coacht weiter, oder er hält Erschöpfung für eine Krise und bricht ab.

Ein falscher Alarm ist auch ein Fehler

Ein Coach, der auf einen Satz über Suizidgedanken mit der nächsten Frage zum Wochenziel antwortet, lässt einen Menschen in der gefährlichsten Lage allein.

Den falschen Alarm unterschätzen gerade die, die Sicherheit ernst nehmen. „Ich kann nicht mehr“ kann nach einer Woche mit krankem Kind und Abgabetermin schlichte Erschöpfung bedeuten oder etwas viel Ernsteres. Antwortet ein Coach darauf sofort mit Notrufnummern und beendet das Gespräch, fühlt sich jemand, der einfach am Ende der eigenen Kräfte war, eher abgefertigt als geschützt. Wer das einmal erlebt hat, schreibt beim nächsten Mal vielleicht vorsichtiger. Zwischen Weiterfragen und Abbrechen gibt es einen unspektakulären Schritt: die ruhige Nachfrage, wie der Satz gemeint war.

Für den KI-Coach hatte die Grenze vier Stufen

Meine Masterarbeit „Welchen Unterschied erleben Coachees in der wahrgenommenen Empathie zwischen einem menschlichen und einem KI-gestützten textbasierten Coaching und welche Bedeutung hat dies für den Coachingerfolg?“ (M.A. Organisations- und Personalentwicklung, FAU Erlangen-Nürnberg) beruht auf einer Coaching-Studie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im August 2026 hatten 12 berufstätige Eltern je ein Chatgespräch, angesetzt auf 45 bis 60 Minuten, sechs mit einem Menschen, sechs mit einem KI-Coach (wie die Studie angelegt war). Am Ende des Gesprächs haben alle erfahren, wer ihnen geantwortet hat.

Berührte ein Anliegen Therapie, Medizin, Recht oder Geld, benannte der KI-Coach die Grenze in einem Satz und blieb beim Coaching, ohne Diagnose und ohne Erfolgsversprechen. Körperbilder wie „Kloß im Hals“ lösten keinen medizinischen Hinweis aus.

Auf einen mehrdeutigen Satz wie „Ich kann nicht mehr“ folgte genau eine klärende Frage: Ging es um Erschöpfung und Überlastung oder um Gedanken, sich etwas anzutun? War es Erschöpfung, ging das Gespräch weiter, und zwar mit dem Schwersten aus dieser Nachricht.

Bei einer akuten Krise endete das Coaching. Ein fester Verweistext sagte, dass ein Coaching im Chat keine Therapie ersetzt, und verwies an Fachleute mit Approbation, für akute Not an eine Notaufnahme oder einen Krisendienst. Schrieb die Person weiter, wiederholte der Coach den Verweis, kurz und ohne Fragen, und kehrte nicht zum Coaching zurück.

Wer einen KI-Coach einführt, übernimmt diese Grenze

In meiner Studie fand jedes Gespräch zu einem vereinbarten Termin statt. Bietet ein Arbeitgeber einen KI-Coach an, kann dort jemand nachts um zwei schreiben, ohne dass ein Mensch mitliest. Wer dieses Angebot macht, trägt aus meiner Sicht die Verantwortung dafür, was passiert, wenn dort jemand nicht mehr weiterweiß, auch wenn der Anbieter die Regeln geschrieben hat.

Der Coachingverband ICF verlangt in seinen Standards für KI-Coaching von 2024 einen Hinweis, wo es Hilfe gibt und wie man zu einem menschlichen Coach kommt. In der erweiterten Fassung soll das System selbst nach Anzeichen für psychische Risiken suchen.2Anmerkung 2: International Coaching Federation: The ICF Artificial Intelligence Coaching Framework and Standards, Version 1.01, Stand 8. Oktober 2024, Elemente B.4.4 (Zugang zu einem menschlichen Coach) und B.4.5 (Hinweise auf psychische Risiken), PDF. Was als Warnsignal gilt, muss jemand festlegen, und ihr solltet wissen, wer.

Bevor ihr einen KI-Coach für eure Beschäftigten einführt, klärt mit dem Anbieter und dem Betriebsrat diese Fragen:

  • Wer hat festgelegt, was als Krise gilt, mit welcher fachlichen Qualifikation, und wo steht das?
  • Was antwortet der Coach auf „Ich kann nicht mehr“? Lasst es euch vorführen, nicht beschreiben.
  • Wie lautet der Verweistext im Ernstfall, Wort für Wort? Er sollte eine Nummer nennen, die auch nachts erreichbar ist, etwa die TelefonSeelsorge (0800 1110111 oder 0800 1110222),3Anmerkung 3: TelefonSeelsorge: telefonseelsorge.de, Rufnummern 0800 1110111, 0800 1110222 und 116 123, laut Seite kostenfrei und Tag und Nacht erreichbar, außerdem per Chat und E-Mail. und für akute Gefahr den Notruf 112.4Anmerkung 4: Europäische Kommission: Seite zur europäischen Notrufnummer 112, kostenfrei und in der ganzen EU erreichbar. Dazu kommt, was es im Haus gibt, etwa einen betriebsärztlichen Dienst.
  • Wie kommt jemand zu einem Menschen, und wie schnell?
  • Wer prüft, ob die Regeln greifen, wie oft und anhand welcher Daten?

An der letzten Frage hängt ein Zielkonflikt. Wie oft der Krisenverweis kam, lässt sich zählen. Ob er zu Recht kam, sieht nur, wer Gespräche liest, und das greift in die Vertraulichkeit ein, auf der Coaching beruht. Wie ihr das löst, gehört vor den Start. Wann ein KI-Coach überhaupt Rat geben darf, steht im Text Für einen KI-Coach muss man klar benennen, was ein Rat ist.

Ein KI-Coach ist keine Antwort auf Überlastung

Alle Regeln greifen nur bei dem, was jemand aufschreibt. Wer die eigene Not nicht in Worte fasst, bleibt für jede Regel unsichtbar, beim KI-Coach wie bei einem Menschen am anderen Ende des Chats.

Schwerer wiegt etwas anderes. Führt ein Unternehmen KI-Coaching ein, weil zu viele Beschäftigte erschöpft sind, hilft es wenig, dass der Coach weiß, wo er aufhört. Das Arbeitsschutzgesetz nennt psychische Belastungen ausdrücklich als Gefährdung, die der Arbeitgeber beurteilen muss.5Anmerkung 5: § 5 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), Abs. 1 und Abs. 3 Nr. 6, gesetze-im-internet.de, Bundesministerium der Justiz. Dort gehört diese Frage hin, nicht in ein Chatfenster, in dem jemand abends allein schreibt.

Wenn ihr gerade selbst nicht mehr weiterwisst: Die TelefonSeelsorge ist unter 0800 1110111 und 0800 1110222 kostenfrei und Tag und Nacht erreichbar, in akuter Gefahr der Notruf 112.

Fußnoten

  1. § 1 Psychotherapeutengesetz (PsychThG), Abs. 2, gesetze-im-internet.de, Bundesministerium der Justiz. ↩

  2. International Coaching Federation: The ICF Artificial Intelligence Coaching Framework and Standards, Version 1.01, Stand 8. Oktober 2024, Elemente B.4.4 (Zugang zu einem menschlichen Coach) und B.4.5 (Hinweise auf psychische Risiken), PDF. ↩

  3. TelefonSeelsorge: telefonseelsorge.de, Rufnummern 0800 1110111, 0800 1110222 und 116 123, laut Seite kostenfrei und Tag und Nacht erreichbar, außerdem per Chat und E-Mail. ↩

  4. Europäische Kommission: Seite zur europäischen Notrufnummer 112, kostenfrei und in der ganzen EU erreichbar. ↩

  5. § 5 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), Abs. 1 und Abs. 3 Nr. 6, gesetze-im-internet.de, Bundesministerium der Justiz. ↩